20. Mär. 2020
Thomas Ronge auf dem antarktischen Pine Island Gletscher.

Thomas Ronge auf dem antarktischen Pine Island Gletscher.

 Dr. Thomas Ronge ist Polarforscher am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Sein Forschungsschwerpunkt ist die marine Geologie - dafür entwickelt er Rekonstruktionen vorzeitlicher Klimasysteme und ist regelmäßig mit Forschungsschiffen auf Expedition im antarktischen Ozean unterwegs. 

Was ist der Gegenstand Ihrer Forschung?
Als Polarforscher der marinen Geologie arbeite ich hauptsächlich im Südozean, dem Ozean der Antarktika umgibt. Ich möchte verstehen, wie in der Vergangenheit Veränderungen von Ozeanströmungen das atmosphärische CO2 beeinflusst haben und welchen Einfluss der Ozean auf das Anwachsen bzw. Abschmelzen der Antarktischen Gletscher hatte. Mit Hilfe dieser Rekonstruktionen möchte ich herausfinden, wie das Klimasystem unter natürlichen Bedingungen – ohne menschlichen Einfluss – funktioniert hat und welche Prozesse dabei besonders relevant für den aktuellen Klimawandel sind.

Warum haben Sie diesen Fokus gewählt? 
Der Südozean ist eine der dynamischsten und für das globale Klima wichtigsten Regionen. Dennoch wissen wir bislang nur sehr wenig über seinen Einfluss auf die Atmosphäre und den antarktischen Kontinent. Rund um Antarktika gelangt Wasser aus der Tiefsee an die Oberfläche. Mit etwa 3°C ist dieses Tiefenwasser relativ warm und kann so die schwimmenden Gletscherzungen – Schelfeis genannt – von unten her angreifen und abschmelzen lassen. Das Schelfeis funktioniert dabei wie ein Korken auf einer Flasche, der die Eismassen auf dem Kontinent zurückhält. Fehlt dieser "Korken", können die Gletscher über die Jahre ungebremst in den Ozean abgleiten und so den globalen Meeresspiegel ansteigen lassen. Allein in der sehr dynamischen Westantarktis lagern Eismassen, die den weltweiten Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts um mehr als 1.5m ansteigen lassen können. Durch den Klimawandel gelangt immer mehr warmes Wasser an die Gletscher, sodass diese immer schneller zurückweichen. Dieses System an seinem Ausgangspunkt zu verstehen, rekonstruieren und seine Zukunft abzuschätzen ist für mich besonders spannend.

Patrick Simoes Pereira, Thomas Ronge und Tim Freudental beim Entnehmen von Sedimenten aus einem MeBo Rohr.

Bild: Marcelo Arrevalo/AWI

Entnahme von Sedimenten aus einem Kolbenlot.

Bild: Marcelo Arrevalo/AWI

Thomas Ronge, Suzanne O‘Connell, Maureen Raymo, Anna Glüder und Markus Gutjahr im Geolabor des Forschungsbohrschiffes JOIDES Resolution.

Bild: Marlo Garnsworthy

Geburtsag in der Antarktis. Thomas Ronge und die Koleg*innen der Nachtschicht.

Bild: Thomas Ronge/AWI
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Patrick Simoes Pereira, Thomas Ronge und Tim Freudental beim Entnehmen von Sedimenten aus einem MeBo Rohr.

Bild: Marcelo Arrevalo/AWI

Entnahme von Sedimenten aus einem Kolbenlot.

Bild: Marcelo Arrevalo/AWI

Thomas Ronge, Suzanne O‘Connell, Maureen Raymo, Anna Glüder und Markus Gutjahr im Geolabor des Forschungsbohrschiffes JOIDES Resolution.

Bild: Marlo Garnsworthy

Geburtsag in der Antarktis. Thomas Ronge und die Koleg*innen der Nachtschicht.

Bild: Thomas Ronge/AWI

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus? 
Einen typischen Tag gibt es nicht wirklich. Auf Expedition bin ich für ca. 2-3 Monate an Bord eines Forschungsschiffes wie der Polarstern oder der Sonne. Dann sind die Arbeitstage besonders lang und eher technisch orientiert. Mit Hilfe von Echoloten suchen wir nach geeigneten Positionen um den Meeresboden zu beproben, der für uns als Archiv der Klimageschichte dient. Danach stehe ich bei Wind und Wetter auf dem Arbeitsdeck, bereite unsere Probennahmegeräte vor, lasse sie zu Wasser und entnehme das Sediment nach erfolgreichem Einsatz. Es kommt aber auch vor, dass ich im Helikopter oder Schlauchboot zu Inseln oder Gletschern aufbreche um dort Proben zu entnehmen. Zurück in Bremerhaven sitze ich am Mikroskop oder stehe im Labor, um den Sedimenten die Klimageschichte zu entlocken. Im Büro sitze ich viel am Computer, entwickle Theorien und vergleiche meine Ergebnisse mit denen meiner Kolleg*innen. Ab und an gehe ich dann auf wissenschaftliche Konferenzen oder mache in Vorträgen meine Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Was fasziniert Sie am meisten an Ihrer Arbeit? 
Für mich ist es ein unglaubliches Privileg in Regionen zu arbeiten, in denen oftmals noch nie zuvor andere Menschen gewesen sind. Die unberührte Natur mit Bergen, Gletschern, Walen, Pinguinen und Stürmen mit 12m Wellen erleben zu dürfen, macht für mich den besonderen Reiz der Feldarbeit aus. Das Beste an allem ist aber, dass ich mit Hilfe der Proben aus diesen Gebieten das Klima vor 1000, 10.000 oder 100.000 Jahren rekonstruieren kann und somit auch Aussagen über die zukünftige Entwicklung treffen kann. 

In welche Richtung würden Sie Ihre Forschung zukünftig gerne vertiefen?
Momentan liegt ein Schwerpunkt der internationalen Forschung auf den Ereignissen, die in der Westantarktis stattfinden. Über die Ostantarktis, die ungleich größer ist und wesentlich mehr Eis besitzt, wissen wir aber noch ausgesprochen wenig. Für die Zukunft möchte ich gerne mehr über diesen Teil Antarktikas und den angrenzenden Teil des Südozeans erfahren. Wie sensibel reagiert die Ostantarktis auf den Klimawandel, in der Vergangenheit und heute? Welchen Einfluss hatten/haben Ozeanströmungen auf die Ostantarktis? Wieviel könnten die ostantarktischen Gletscher in Zukunft zum Meeresspiegelanstieg beitragen? Wie stabil sind die Gletscher bei 1.5°C, 2°C oder noch stärkerer Erwärmung?