16. Mai. 2019
Tiefseeforscherin Antje Boetius ist AWI-Direktorin und Gruppenleiterin am MPI für Marine Mikrobiologie. (Foto: Jan Riephoff)

Tiefseeforscherin Antje Boetius ist AWI-Direktorin und Gruppenleiterin am MPI für Marine Mikrobiologie.

Die in­ter­na­tio­nal an­ge­se­he­ne Fach­zeit­schrift Na­tu­re Re­views Mi­cro­bio­lo­gy frag­te Prof. Dr. Ant­je Boe­ti­us nach ih­rer Ein­schät­zung zum Verhältnis von Mi­kro­bio­lo­gie und glo­ba­lem Wan­del: "Da Mi­kro­or­ga­nis­men eine gro­ße Aus­wir­kung auf die Stoff­kreis­läu­fe, Pro­duk­ti­vi­tät und Ge­sund­heit un­se­res Pla­ne­ten wie auch auf uns Men­schen ha­ben, wird die­ses For­schungs­feld we­sent­li­che Kennt­nis­se für die Zu­kunft der Erde lie­fern", so die Di­rek­to­rin des Al­fred-We­ge­ner In­sti­tuts, Helm­holtz-Zen­trum für Po­lar- und Mee­res­for­schung (AWI) und Gruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie. "Mi­kro­bio­lo­gie des glo­ba­len Wan­dels" nennt sich das For­schungs­ge­biet, wel­ches sich mit mi­kro­bi­el­len Re­ak­tio­nen auf glo­ba­le Er­wär­mung, Über­nut­zung und Um­welt­ver­schmut­zung so­wie mit Rück­kopp­lungs­me­cha­nis­men und -funk­tio­nen im Kli­ma­wandel be­fasst.

Die Evo­lu­ti­on des Le­bens geht auf Mi­kro­or­ga­nis­men zu­rück, die seit über 3,8 Mil­li­ar­den Jah­ren die Erde prä­gen und über­haupt erst die Le­bens­grund­la­ge für viel­zel­li­ge Le­be­we­sen und letzt­end­lich auch den Men­schen ge­schaf­fen ha­ben. Jüngs­te glo­ba­le Ver­än­de­run­gen deu­ten dar­auf hin, dass der Mensch eine neue geo­lo­gi­sche Ära ein­ge­lei­tet hat: das "An­thro­po­zän". Die­ser Be­griff steht für die tief­grei­fen­den Aus­wir­kun­gen des Men­schen auf den Pla­ne­ten, ein­schließ­lich sei­ner Kon­ti­nen­te, sei­ner At­mo­sphä­re und der Ozea­ne. "Ein güns­ti­ges, sta­bi­les Kli­ma über 12.000 Jah­re und Tech­no­lo­gi­en, die auf ver­gleichs­wei­se bil­lig ver­füg­ba­ren, na­tür­li­chen En­er­gie­res­sour­cen wie Holz, Koh­le, Öl und Gas ba­sie­ren, ha­ben es der mensch­li­chen Be­völ­ke­rung er­mög­licht, ex­po­nen­ti­ell zu wach­sen. Ers­te Er­kennt­nis­se zur Wech­sel­wir­kung des Kli­mas mit Mi­kro­or­ga­nis­men in Bö­den und im Was­ser zei­gen, dass die Rück­kopp­lungs­ef­fek­te nicht zu un­se­ren Guns­ten aus­ge­hen. Wenn es wär­mer wird, pro­du­zie­ren die Mi­kro­ben mehr Koh­len­di­oxid (CO2). Das Aus­maß der Kli­ma- und Um­welt­schä­den so­wie Ar­ten­ver­lus­te ins­ge­samt macht es dring­lich, un­se­ren Pfad zu än­dern", ar­gu­men­tiert Tief­see­for­sche­rin Ant­je Boe­ti­us.

Einholen von Tramper, einem sogenannten Crawler, nach einem einjährigen Messeinsatz zur Erforschung von Mikroorganismen  in der Arktis.

Einholen von Tramper, einem sogenannten Crawler, nach einem einjährigen Messeinsatz zur Erforschung von Mikroorganismen in der Arktis.

Bild: Esther Horvath
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Einholen von Tramper, einem sogenannten Crawler, nach einem einjährigen Messeinsatz zur Erforschung von Mikroorganismen in der Arktis.

Bild: Esther Horvath

Grund­sätz­lich las­sen sich meh­re­re Rück­kopp­lungs­ef­fek­te fest­stel­len, die die Um­welt­be­las­tung noch zu­sätz­lich be­schleu­ni­gen. Bei­spiels­wei­se steigt die Pro­duk­ti­on mi­kro­bi­el­ler Treib­haus­ga­se auch mit zu­neh­men­der Land­wirt­schaft und Tier­hal­tung. In ei­ni­gen Oze­an­re­gio­nen scheint die bio­lo­gi­sche Pum­pe schwä­cher zu wer­den. Krank­hei­ten kön­nen sich über brei­te­re Kli­ma­zo­nen aus­brei­ten. Mi­kro­or­ga­nis­men könn­ten aber auch ein Teil der Lö­sung bei der Su­che nach nach­hal­ti­gen En­er­gi­en und der Sa­nie­rung von Le­bens­räu­men so­wie der Ge­sund­heit un­se­res Pla­ne­ten und von uns Men­schen sein: "Un­ser Wis­sen über die Viel­falt und Funk­ti­on von Ein­zel­lern wächst, geht je­doch zu oft nicht in die glo­ba­le Syn­the­se des Kli­ma- und Um­welt­zu­stands und in den Wis­sens­trans­fer ein. Es soll­te mehr dazu ge­forscht wer­den, wie die Ein­grif­fe des Men­schen mi­kro­bi­el­le Ge­mein­schaf­ten ver­än­dern, und wie Mi­kro­or­ga­nis­men dazu bei­tra­gen kön­nen, nach­hal­ti­ge Lö­sun­gen für die Be­rei­che Bio­öko­no­mie, Bio­tech­no­lo­gie, Land­wirt­schaft, Er­näh­rung, En­er­gie, Ge­sund­heit und In­fra­struk­tur bie­ten kön­nen", schreibt Boe­ti­us.

Es blei­be eine glo­ba­le Auf­ga­be, die bio­lo­gi­sche Viel­falt der Erde ein­schließ­lich der Mi­kro­or­ga­nis­men und ih­rer en­gen Wech­sel­wir­kun­gen zu be­wer­ten, da künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen die­ses Wis­sen für bes­se­res Um­welt­ma­nage­ment be­nö­tig­ten, so Ant­je Boe­ti­us zum Start ei­ner neu­en Rei­he zu "Mi­kro­bio­lo­gie des glo­ba­len Wan­dels" in der Juni-Aus­ga­be des Ma­ga­zins Nature Reviews Microbiology.


Quelle: MPI für Marine Mikrobiologie