26. Sep. 2019
Eisberge und Meereis vor der Antarktischen Halbinsel.

Eisberge und Meereis vor der Antarktischen Halbinsel.

Es war eine ereignisreiche Woche in der Klimapolitik: Am UNO-Sitz in New York trafen sich die Staatenlenker der Welt zum Aktionsgipfel, während Millionen von Menschen zum Streik auf die Straße gingen. Drumherum gab es eine Vielzahl wissenschaftlicher Berichte, die die Dramatik des Klimawandels mit Zahlen und Szenarien illustrierten. Vorläufiger Abschluss war der dritte Sonderbericht des Weltklimarates IPCC, den das Gremium am Mittwoch in Monaco präsentierte. Auch hier zeigten die Zahlen eine Verschlimmerung der Lage. Inzwischen schrecken daher auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht mehr vor drastischen Forderungen zurück.

"Gott sei Dank funktioniert die Physik", kommentierte Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) den jüngsten Bericht des IPCC und schien geradezu erleichtert. "Wir sehen jetzt, was wir seit Langem vorhergesagt haben: Die Eisschilde sind der treibende Faktor beim Meeresspiegelanstieg geworden", erläuterte der Physiker auf der Tagung des Helmholtz-Verbundes Regionale Klimaänderungen (REKLIM) in Berlin. Der IPCC hatte am Mittwoch in Monaco seinen Sonderbericht über die Weltmeere und die Gletscher vorgestellt und der deutsche Forschungsverbund diskutierte das Werk zum Abschluss seines Treffens.

Korallenbleiche vor der Jarvisinsel im Südpazifik.

Korallenbleiche vor der Jarvisinsel im Südpazifik.

Bild: NOAA (CC0)
Der Bear Glacier in British Columbia, Kanada.

Der Bear Glacier im Kenal Fjord National Park, Alaska.

Bild: NPS (CC0)
Oberflächen-Schmelze eines grönländischen Gletschers.

Oberflächen-Schmelze eines grönländischen Gletschers.

Bild: AWI/Coen Hofstede
Ein Gletscher der Sukkertoppen-Region in Südwestgrönland.

Ein Gletscher der Sukkertoppen-Region in Südwestgrönland.

Bild: NASA (CC0)
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Korallenbleiche vor der Jarvisinsel im Südpazifik.

Bild: NOAA (CC0)

Der Bear Glacier im Kenal Fjord National Park, Alaska.

Bild: NPS (CC0)

Oberflächen-Schmelze eines grönländischen Gletschers.

Bild: AWI/Coen Hofstede (CC0)

Ein Gletscher der Sukkertoppen-Region in Südwestgrönland.

Bild: NASA (CC0)

"Mittlerweile machen sich die riskanteren Komponenten des Klimawandels bemerkbar", meinte Ingo Sasgen, Eismassenspezialist des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Meeres- und Polarforschung (AWI) in Berlin und hieb damit in die gleiche Kerbe wie Levermann. Dem IPCC-Sonderbericht zufolge ist der Anstieg des Meeresspiegels im globalen Mittel seit Beginn des 20. Jahrhunderts nie höher gewesen als in der Dekade zwischen 2006 und 2015: 3,6 Millimeter pro Jahr lautet der Wert, zwischen 1901 und 1990 betrug die Rate nur 1,4 Millimeter. "Gletscher und Eiskappen sind in der Summe der dominante Faktor und haben die Ausdehnung der Wassermassen aufgrund ihrer Erwärmung überholt", so heißt es in der knappen Version für Entscheidungsträger, um die in Monaco in langen Verhandlungsrunden zwischen Wissenschaft und Regierungsvertretern gerungen worden war.

Weltmeere und Eisschilde werden mobil

Wem die Klimastreiks der vergangenen Woche zu emotional und zu wenig faktenorientiert waren, dem servierte der IPCC mit seinem 43-seitigen Kurzbericht und bei Bedarf auch mit der 1150 Seiten umfassenden Langversion die gleiche Botschaft, diesmal jedoch auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Die Weltmeere und die Eismassen an den Polen sind nicht mehr unbedingt die schlafenden Riesen, die das Klimasystem mit ihrer Pufferwirkung stabilisieren. Grönlands Eisschild schmilzt im Rekordtempo, im Amundsensektor der Westantarktis sind Auflösungserscheinungen zu erkennen, Hitzewellen in den Ozeanen nehmen zu und werden Verwüstungen in den Ökosystemen der Meere anrichten. "Die Extreme werden intensiver und sie werden häufiger auftreten", sagte in Berlin die Geographin Beate Ratter von der Universität Hamburg, die als Leitautorin des IPCC-Berichtes das Kapitel zu Extremereignissen und abrupten Wechseln verantwortet hat.

Umso energischer fordert das Wissenschaftlergremium, dass die Staaten der Welt handeln. "Wir werden die Klimaerwärmung nur dann sicher unterhalb von zwei Grad halten, wenn wir beispiellose Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft vornehmen, im Energiesektor, im Umgang mit Land und Ökosystemen, in den Städten bei der Infrastruktur und in der Industrie", unterstrich Debra Roberts, Stadtplanerin im südafrikanischen Durban, in der Presseerklärung zum Sonderbericht. Roberts ist Co-Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe, die sich mit Folgen des Klimawandels und Anpassungsstrategien befasst.

Zeit für Transformationen

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind offenbar zur Ansicht gelangt, dass die Zeit der schrittweisen Änderungen abgelaufen ist. "Sie reichen nicht mehr aus, wir brauchen stattdessen Transformationen", betonte Beate Ratter auf der REKLIM-Tagung. Transformationen hatte schon im vergangenen Jahr der Sonderbericht des IPCC zum 1,5-Grad-Ziel gefordert, und inzwischen wird auch deutlicher, was sich dahinter verbirgt. So fordert der in Berlin ansässige Klima-Thinktank Climate Analytics in einer aktuellen Studie zur Kohleverstromung, dass die Kohlekraftwerke der Welt bis 2040 komplett stillgelegt werden müssten, um die Versprechungen des Klimaschutzabkommens von Paris noch zu erfüllen und die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu beschränken. Die Kapazität der derzeit existierenden Kohlekraftwerke, der weltweit geplanten und angekündigten übersteige zusammengenommen den in Paris vereinbarten Umfang der Kohleverstromung um mehr als das Vierfache.

Für die Staaten Europas und Nordamerikas ist der Zeitrahmen am engsten: Sie müssen 2031 Abschied von der Kohle nehmen, in 12 Jahren also. 2032 soll Lateinamerika aussteigen, 2034 der Mittlere Osten und Afrika und 2037 Asien, das die größten Probleme beim Verzicht auf fossile Brennstoffe habe. An deren Stelle sollen die Erneuerbaren Energien ausgebaut werden.

Klimaschutzbeiträge sind viel zu gering

Für ihren Klima-Aktions-Gipfel hatte die UN sich eine eigene Zusammenfassung des aktuellen Stands von Wissenschaft und Forschung erarbeiten lassen. Unter dem Titel "United in Science" war das Werk am Sonntag pünktlich zum Gipfel erschienen und ging schonungslos mit den freiwilligen Klimaschutzbeiträgen der UN-Mitgliedsstaaten ins Gericht. Der Treibhausgasausstoß werde weder 2020 noch 2030 seinen Höhepunkt erreichen, wenn die Staaten sich mit diesen Zielen zufriedengäben. Allein um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, müssten die Anstrengungen verdreifacht werden. Um die Erwärmung auf den von allen Seiten als verkraftbar eingeschätzten Wert von 1,5 Grad zu begrenzen, wäre sogar eine Verfünffachung nötig.

Entsprechend schlecht kam das Klimaschutzpaket der Bundesregierung vom vergangenen Freitag weg, mit dem Bundeskanzlerin Angela Merkel umgehend nach New York zum UN-Gipfel geflogen war. "Es ist unzureichend, und jeder weiß es", meinte PIK-Forscher Anders Levermann auf der REKLIM-Tagung in Berlin. Die Schülerproteste von "Fridays for Future" und die vielen Demonstrationen mit Millionen Teilnehmern zum Klimastreiktag am vergangenen Freitag lassen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber offenbar hoffen. "Ich bin froh, dass debattiert wird, dass es weltweit Druck von der Straße gibt", so Beate Ratter in Berlin.