30. Sep. 2019
Forschung in den Polargebieten, hier mit der "Polarstern" im Hintergrund, ist häufig international ausgerichtet.

Forschung in den Polargebieten, hier mit der "Polarstern" im Hintergrund, ist häufig international ausgerichtet.

Moderne Wissenschaft ist meist eine internationale Angelegenheit. Gerade aufwendige Projekte sind inzwischen nur noch in Kooperation mehrerer Staaten zu stemmen. Damit erhalten Wissenschaft und Forschung eine völkerverbindende Rolle. Auf der Wissenschaftskonferenz des Helmholtz-Verbundes Regionale Klimaänderungen war deshalb diese "Wissenschaftsdiplomatie" das Thema einer Podiumsdiskussion. Und als Beispiel diente die Arktis. Fazit: Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Diplomatie ist nicht ohne Risiken, gerade in der Nordpolarregion, wo sich ein intensiver Machtkampf abspielt.

Am 22. September hat der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" den norwegischen Hafen Tromsö verlassen, auf dem Weg zur längsten Arktisexpedition seiner Geschichte. Wenn er im Frühherbst sein Ziel nahe dem Nordpol im sibirischen Sektor der Arktis erreicht hat, wird das Schiff im Meereis einfrieren und ein Jahr lang mit ihm durch den Arktischen Ozean driften. 19 Nationen beteiligen sich an der 140 Millionen Euro teuren Mission MOSAIC, darunter alle Rivalen in dem "Großen Spiel" dort: Alle Staaten also, die den Polarozean seit einigen Jahren zu einer Bühne der machtpolitischen Auseinandersetzung um Einfluss und Rohstoffe gemacht haben.

Der deutsche Eisbrecher

Der deutsche Eisbrecher "Polarstern" erreicht im Rahmen der MOSAIC-Expedition am 25. September 2019 die Eiskante in der Laptevsee.

Bild: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath (CC BY 4.0)
Das US-Atom-U-Boot Annapolis durchbricht im Rahmen einer Übung die Eisdecke im Nordpolarmeer.

Das US-Atom-U-Boot Annapolis durchbricht im Rahmen einer Übung die Eisdecke im Nordpolarmeer.

Bild: US DoD (CC0)
Blick auf arktisches Meereis.

Blick auf arktisches Meereis.

Bild: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann (CC BY 4.0)
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Der deutsche Eisbrecher "Polarstern" erreicht im Rahmen der MOSAIC-Expedition am 25. September 2019 die Eiskante in der Laptevsee.

Bild: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath (CC BY 4.0)

Das US-Atom-U-Boot Annapolis durchbricht im Rahmen einer Übung die Eisdecke im Nordpolarmeer.

Bild: US DoD (CC BY 4.0)

Blick auf arktisches Meereis.

Bild: Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann (CC BY 4.0)

Neben zwei russischen Eisbrechern und der deutschen "Polarstern" sind ein schwedischer und ein chinesischer Eisbrecher beteiligt, die USA, Dänemark und Norwegen entsenden Wissenschaftler. Ob sie wollen oder nicht, die Beteiligten sind durchaus nicht nur auf einer rein wissenschaftlichen Mission. "Schätzen Sie das nicht falsch ein: Man ist auch in Sachen Wissenschaftsdiplomatie unterwegs", betonte die griechische Historikerin Maria Retentzi von der Nationalen Technischen Universität Athen, die gerade beim Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte zu Gast ist. Auf der REKLIM-Wissenschaftskonferenz in Berlin diskutierten Experten wie Retentzi über das heikle Verhältnis zwischen Wissenschaft und nationaler Interessenvertretung im hohen Norden.

Wissenschaft als Brückenbauer

Wissenschaftsdiplomatie ist kein einfaches Thema für die Beteiligten. Gerade große Forschungsprojekte, wie sie in den Polargebieten an der Tagesordnung sind, werden von Wissenschaftler zahlreicher Nationen durchgeführt und von den jeweiligen Regierungen bezahlt. Und natürlich sind die Beteiligten im Feld oder auf dem Schiff dann auch in gewisser Weise Vertreter ihrer Nationen. Dem entgegen steht die von Wissenschaftlern stets hochgehaltene Objektivität und Orientierung an den Fakten.

Doch nach Ansicht der Wissenschaftshistorikerin Retentzi ist die Faktenorientierung zu einem nicht geringen Teil Illusion: "Wissenschaft an sich ist nicht neutral, sondern lebt von der Meinungsverschiedenheit." Dabei geht es oft nicht um unterschiedliche Daten, sondern um verschiedene Interpretationen, also Perspektiven und Sichtweisen. Dass die Wissenschaft solche Auseinandersetzungen produktiv zu lösen weiß, macht sie ideal als Brückenbauer auch auf den nicht-wissenschaftlichen Gebieten.

Wissenschaft als Instrument

Oft allerdings bedienen sich die Nationalstaaten auch der Wissenschaft als Mittel der Interessenvertretung. "Wissenschaft wird instrumentalisiert", betonte Rasmus Gjedssö Bertelsen, Professor für Arktisstudien an der Universität Tromsö gerade mit Blick auf das Polargebiet. Denn der Machtkampf um das Nordpolarmeer ist älter als die Präsenz der Wissenschaft dort. "So ist es der nuklear am stärksten aufgerüstete Ozean der Erde", so Bertelsen. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges durchkreuzten die Atom-U-Boote der gegnerischen Blöcke das Meer. Heutzutage haben mit dem drastisch schwindenden Meereis die Aussichten auf Rohstoffe und Schifffahrtsrouten den nuklearen Konkurrenzkampf abgelöst, doch die Waffen sind weiterhin präsent.

Wie der Streit um die nationalen Einflusszonen in der Arktis zeigt, spielt Wissenschaft eine entscheidende Rolle im neuen Spiel. Geowissenschaftler liefern nämlich die Faktengrundlage, wenn die Nationalstaaten vor der Internationalen Meeresbodenbehörde in Kingston, Jamaika, ihre erweiterten Gebietsansprüche geltend machen wollen. Dort muss ein erweiterter Festlandssockel nachgewiesen werden, und dieser Nachweis gelingt nur, wenn mit geophysikalischen und geologischen Methoden eine Verbindung hergestellt werden kann. "Polare Wissenschaft wird häufig mit solch strategischen Zielen verknüpft", so Bertelsen.

Multilaterale Foren sind umso wichtiger

Um so wichtiger seien Instrumente wie der Antarktisvertrag am Südpol und der Arktische Rat im Norden, die seit 1959 beziehungsweise 1996 Foren für die internationale Kooperation bieten. In der Antarktis ist das leichter, da der Kontinent von niemandem beansprucht wird. "Doch auch der Arktische Rat ist eine Erfolgsgeschichte und ein wundervolles Beispiel für Wissenschaftsdiplomatie", betonte Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros in Berlin. Der Rat soll den Klimaschutz in der Region sowie den Ausgleich zwischen Nationalstaaten und den indigenen Völkern der Arktis fördern.

Der Politikwissenschaftler Bertelsen sieht gerade in dieser Beschränkung den Schlüssel für den Erfolg des Rates. "Die Erweiterung seiner Aktivtäten auf die Sicherheitspolitik würde ihn schon wegen der geostrategischen Implikationen gefährden." Island, das soeben den Ratsvorsitz übernommen hat, sieht das wohl ähnlich. "Wir dürfen den Rat nicht als Regierungsgremium missverstehen, denn dazu ist sein Mandat zu schwach", betonte Embla Eir Oddsdottir, die Direktorin des Isländischen Arktischen Kooperationsnetzwerks, in Berlin. Entsprechend sieht das Programm Islands für seinen bis 2021 dauernden Vorsitz aus: die gemeinsamen Interessen auf wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet fördern und die Gespräche zwischen den beteiligten Staaten nicht abreißen lassen.