27. Mai. 2020
Blick auf die Caldera von Santorin

Blick auf die Caldera von Santorin

Der stärkste Vulkanausbruch Europas in historischer Zeit zerstörte Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus die griechische Insel Thera und hinterließ das heutige Santorin und seine beiden Schwesterinselchen, die mitten im saphirblauen Meer den Rand der Vulkancaldera markieren. Ein US-Team hat jetzt eine Baumringchronologie in Kalenderjahre konvertieren können und damit den Ausbruch auf das Jahr 1560 vor Christus festgelegt. Über ihre Arbeit berichten sie in den Abhandlungen der US-Akademie der Wissenschaften.

Der Ausbruch des Vulkans im heutigen Santorin war gewaltig, pyroklastische Ströme und Lahars überrannten eine große minoische Stadt im Süden der Insel, eine Wolke aus Asche und Bims überschattete die Kykladen und breitete sich über das gesamte östliche Mittelmeer aus, Tsunamiwellen liefen bis an die Küste Palästinas. Erst Jahrhunderte später kamen Menschen zurück auf die Insel und gründeten das dorische Thera.

Baumscheibe einer Borstenkiefer aus Nordamerika, die zur Synchronisierung des Midas-Wacholders benutzt wurde.

Baumscheibe einer Borstenkiefer aus Nordamerika, die zur Synchronisierung des Midas-Wacholders benutzt wurde.

Bild: Uni Arizona/Charlotte Pearson
Borstenkiefern aus Kalifornien und Nevada dienten der Synchronsierung des Midas-Wacholder.

Borstenkiefern aus Kalifornien und Nevada dienten der Synchronsierung des Midas-Wacholder.

Bild: Uni Arizona/Bob Demers
Charlotte Pearson 2018 im Dendrochronologie-Labor der Universität von Arizona.

Charlotte Pearson 2018 im Dendrochronologie-Labor der Universität von Arizona.

Bild: Uni Arizona/Bob Demers
Die Ausgrabungsstätte der minoischen Stadt auf Santorin.

Die Ausgrabungsstätte der minoischen Stadt auf Santorin.

Bild: Uni Arizona/Gretchen Gibbs
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Baumscheibe einer Borstenkiefer aus Nordamerika, die zur Synchronisierung des Midas-Wacholders benutzt wurde.

Bild: Uni Arizona/Charlotte Pearson

Borstenkiefern aus Kalifornien und Nevada dienten der Synchronsierung des Midas-Wacholder.

Bild: Uni Arizona/Bob Demers

Charlotte Pearson 2018 im Dendrochronologie-Labor der Universität von Arizona.

Bild: Uni Arizona/Bob Demers

Die Ausgrabungsstätte der minoischen Stadt auf Santorin.

Bild: Uni Arizona/Gretchen Gibbs

Schon lange wird versucht, den Ausbruch mit dem Niedergang der minoischen Kultur zu verknüpfen. Dieser Theorie zufolge hat die Eruption von Santorin nicht nur die minoische Stadt auf der Insel zerstört, sondern gleich die ganze Kultur in den Niedergang geschickt. Seit Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus hatten die Minoer von Kreta aus ein Netz von Handelsniederlassungen und Städten auf den Inseln der Ägäis errichtet und mit den zeitgenössischen Phöniziern, Ägyptern und Hethitern Handel getrieben. Im 15. und 14. Jahrhundert vor Christus wurden die berühmten minoischen Paläste wie etwa Knossos zerstört, und ungefähr in diesen Zeitraum fällt der Ausbruch des Vulkans auf Santorin.

Ausbruch 1560 vor Christus

Die Theorie hat allerdings eine große Schwäche: Die Eruption konnte nie exakt datiert werden, die Verbindungen zum Niedergang der Minoer waren daher lange Zeit nicht mehr als reine Theorie. Ein Team US-amerikanischer Dendrochronologen hat jetzt in "PNAS" ein exaktes Datum für den Ausbruch in die Diskussion geworfen: 1560 vor Christus. Der Zeitpunkt liegt näher am Ende der minoischen Kultur als die bislang dominierenden Datierungsvorschläge, aber eben immer noch ein bis zwei Generationen vor dem Beginn der Brände in den kretischen Palastzentren. Der Ausbruch wäre damit wohl nicht die Ursache für den Untergang der minoischen Palastkultur, aber vielleicht der Auslöser ihres Niedergangs.

Die Forscher vom Dendrochronologie-Labor der Universität von Arizona arbeiten schon seit vielen Jahren an eine Baumringchronologie für die Bronze- und frühe Eisenzeit des Mittelmeers. "Wir haben eine Chronologie, die 12.000 Jahre weit zurückreicht, aber gerade im östlichen Mittelmeer gibt es für die vorchristliche Zeit eine Lücke", erklärt Hauptautorin Charlotte Pearson, die Assistenzprofessorin am Labor in Tucson ist. Sie profitieren dabei von einem der umfangreichsten Baumringarchive der Welt. Zwar gibt es Baumscheiben, die die Bronze- und die frühe Eisenzeit abdecken, aber es fehlt der konkrete Ankerpunkt, mit dem man die Abfolge der Baumringe an den menschlichen Kalender mit seinen Jahreszahlen anbinden kann. Pearson und ihre Kollegen glauben diesen Ankerpunkt jetzt gefunden zu haben, so dass die relative Baumringchronologie mit der absoluten der Kalenderjahre verbunden werden kann. Damit könnten die Jahre zwischen 3000 und 500 vor Christus im östlichen Mittelmeer abgedeckt werden.

Baumringchronologie mit Kalender verknüpft

Der Ankerpunkt ist genau der Vulkanausbruch von Santorin, den Pearson und ihre Kollegen in einem hellen Wachstumsring in einem Wacholderstamm aus der alten phrygischen Hauptstadt Gordion gefunden haben. Dieser sogenannte Midas-Tumulus wird für die Chronologie der altorientalischen Hochkulturen im östlichen Mittelmeerraum genutzt. Er stammt aus dem 7. Jahrhundert vor Christus und umfasst 1028 Jahresringe, war bislang aber nicht genau in die Kalenderchronologie eingehängt. Der helle Ring im Midas-Wacholder korrespondiert allerdings mit gleichartigen Ringen in zwei weiteren Baumscheiben, die kalendarisch genau datiert sind. Sowohl eine Borstenkiefer aus Nordamerika als auch Kiefern aus Finnland wiesen einen solchen hellen Ring auf.

Um ganz sicher zu sein, dass die drei Baumringarchive synchronisiert sind, werteten die Wissenschaftler auch noch die Radiokarbonprofile der Baumproben aus. "Es ist eine neue Methode, um Baumringchronologien im Kalender zu verankern", erklärt Pearson. Sie bestimmten die C-14-Werte für insgesamt 200 aufeinanderfolgende Jahresringe, die den Zeitraum um den auffällig blassen Ring zwischen den Jahren 1700 und 1500 vor Christus abdeckten. Radioaktiver Kohlenstoff-14 entsteht, wenn in der oberen Atmosphäre kosmische Strahlung auf die Atome der Lufthülle trifft, sein Gehalt schwankt daher immer etwas, sollte aber in jedem Jahr weltweit gleich sein. Das Team verglich die leichten Radiokarbon-Schwankungen über die 200 Jahre hinweg und synchronisierte auf diese Weise die drei verschiedenen Baumringchronologien.

Die Diskussion um den Zeitpunkt des Ausbruchs von Santorin ist damit sicherlich nicht beendet. Das erwartet auch Charlotte Pearson nicht. "Wir haben es nur als Vorschlag in die Diskussion eingebracht", betont die Archäologin. Und selbst wenn sich die Fachwelt darauf verständigen könnte, bliebe weiterhin die interessanteste Frage nach der Verbindung zwischen Eruption und dem Untergang der minoischen Zivilisation offen.